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Assistenz im Alltag

Drei Einheiten zum Alltag bei hohem Unterstützungsbedarf: warum Wartezeit Arbeitszeit ist, warum das Gerät da sein muss und warum die Pflege der häufigste Ort der Kommunikation ist.

Worum es geht

Für alle, die Menschen assistieren, die Unterstützte Kommunikation nutzen: Assistenzkräfte, Schulbegleitungen, Pflegekräfte und Angehörige – und für Menschen, die ihre eigene Assistenz anleiten.

Länderbezug: Die Geschichte und die Rechtsangaben in diesem Kurs beziehen sich auf Deutschland. In anderen Ländern gelten andere Gesetze und andere Wege.

Jede der 3 Einheiten hat denselben Aufbau: erst das Wissen, dann eine Übung am eigenen Gerät, dann eine Frage zum Nachdenken. Die Frage wird nicht benotet und lässt sich beliebig oft wiederholen – sie soll zeigen, ob etwas angekommen ist, nicht, wer den Kurs macht.

Etwa anderthalb Stunden, aufteilbar – die Übungen laufen über mehrere Tage. Es gibt keine Anmeldung und kein Konto. Der Stand steht ausschließlich in diesem Browser; er verschwindet, wenn Sie die Browserdaten löschen, und wandert nicht auf ein anderes Gerät.

Am Ende können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Sie hält fest, welche Lerneinheiten Sie bearbeitet haben.

Alles hier steht auch ohne Kurs offen: die Seite über Assistenz, der Kurs Ein guter Gesprächspartner werden und die Themen mit Video.

Das ist ein Kurs über Assistenz im Alltag.
Sie helfen einem Menschen jeden Tag.
Der Mensch spricht nicht mit dem Mund.
Hier lernen Sie: Wie geht das gut?
Die Gesetze in dem Kurs gelten in Deutschland.
In anderen Ländern gelten andere Gesetze.
Der Kurs hat 3 Einheiten.
In jeder Einheit gibt es: Wissen, eine Übung und eine Frage.
Die Frage wird nicht benotet.
Sie brauchen kein Konto. Sie müssen sich nicht anmelden.
Am Ende können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Darauf steht: Das habe ich gelernt.
Das Blatt ist kein Zeugnis.

Ihr Fortschritt: 0/3 Einheiten erledigt

Wenn der Bedarf hoch ist

Ab hier geht es um Menschen mit hohem, komplexem Unterstützungsbedarf. Gemeint sind Menschen, die wenig oder gar nicht mit dem Mund sprechen, die meist zusätzlich Pflege brauchen und bei denen häufig mehreres zusammenkommt — Bewegung, Sehen, Hören, Ausdauer. Viele von ihnen haben Assistenz rund um die Uhr. Hoch ist der Bedarf, nicht die Schwierigkeit des Menschen. Wer viel Unterstützung braucht, hat deshalb nicht weniger zu sagen — er braucht nur mehr Bedingungen, damit es gesagt werden kann.

Genau hier kippt Assistenz am häufigsten still in Fürsorge zurück. Das passiert selten aus bösem Willen. Es passiert aus Zeitdruck, aus Routine und aus guter Absicht. Wer morgens in vierzig Minuten waschen, anziehen und frühstücken soll, fragt irgendwann nicht mehr, sondern macht. Und weil niemand widerspricht, bleibt es so.

Vier Dinge kommen dabei zusammen. Erstens ist die Verständigung langsamer — also ist die Versuchung groß, sie zu überspringen. Zweitens ist die Nähe am größten: Wer einen Menschen wäscht und ins Bett bringt, kommt ihm näher als jede andere Berufsgruppe, und Nähe macht das Übergehen leicht. Drittens ist das Team am größten — oft fünf bis zwanzig Personen, Schichtdienst, Wechsel; was eine weiß, wissen die anderen nicht. Viertens kann die Person am schwersten widersprechen, wenn etwas falsch läuft. Ausgerechnet die Beschwerde braucht die Verständigung, die gerade fehlt.

Kommunikation lässt sich nicht planen. Sie geschieht, wenn sie geschieht — beim Anziehen, nachts um drei, mitten im Aufzug. Man kann sie nicht auf 14:30 Uhr legen und danach abhaken. Deshalb muss Assistenz vorgehalten werden: Die Zeit wird bereitgestellt und bezahlt, auch wenn in ihr scheinbar nichts passiert. Fachleute nennen das eine Vorhalteleistung — die Zeit steht bereit, sie wird nicht bei Bedarf bestellt. Das deutsche Recht nennt in § 78 SGB IX ausdrücklich die „Verständigung mit der Umwelt" als Teil der Assistenzleistung, nicht als Zugabe für ruhige Tage. Nele Diercks, die selbst rund um die Uhr Assistenz nutzt, schreibt dazu: „Assistenz muss da sein, wenn ich sie brauche – pünktlich und planbar, rund um die Uhr. Nur dann kann ich mein Leben gestalten."

Für Sie im Dienst heißt das: Die Wartezeit ist die Arbeitszeit. Die zwanzig Sekunden, in denen jemand einen Satz zusammensucht, sind kein Leerlauf und keine Höflichkeit. Sie sind die Leistung selbst — so wie das Anreichen eines Glases die Leistung ist. Effizienz ist hier deshalb ein falsches Maß: Ein Dienst, in dem alles schnell ging und niemand etwas gesagt hat, war kein guter Dienst. Wer die Pause wegkürzt, hat die Antwort selbst gegeben.

Wartezeit muss man erklären können, sonst wird sie gestrichen. Machen Sie sie sichtbar: Notieren Sie eine Woche lang, was in den Pausen tatsächlich kam — eine Wahl beim Frühstück, ein Nein zum Ausflug, eine Frage an den Besuch. Rechnen Sie es in Minuten um; zehn Minuten am Tag sind gut eine Stunde in der Woche. Sagen Sie der Leitung nicht „Ich brauche mehr Zeit", sondern: „Ohne diese zehn Minuten entscheidet sie nicht selbst, dann entscheiden wir." Das ist kein Wunsch, sondern die Beschreibung dessen, wofür die Stunde bezahlt wird.

Manche Menschen brauchen sehr viel Unterstützung.
Sie sprechen wenig oder gar nicht mit dem Mund.
Sie haben oft Tag und Nacht Assistenz.
Diese Menschen haben genauso viel zu sagen wie alle anderen.
Sie brauchen nur mehr Zeit dafür.

Warten gehört zu Ihrer Arbeit.
Eine Antwort dauert manchmal 20 Sekunden.
Diese 20 Sekunden sind Arbeitszeit.
Sie sind keine Pause.
Sie sind auch kein nettes Extra.
Sagen Sie in dieser Zeit nichts.
Schauen Sie die Person freundlich an.
Wer nicht wartet, entscheidet selbst.

Die Übung: Zehn Sekunden messen

Zehn Sekunden Stille fühlen sich sehr lang an. Diese Übung zeigt Ihnen, wie lang sie wirklich sind — und was passiert, wenn Sie sie aushalten.

  1. Suchen Sie sich heute fünf Gelegenheiten, bei denen Sie ohnehin etwas fragen würden. Zum Beispiel: Tee oder Wasser?
  2. Stellen Sie die Frage. Sehen Sie danach auf die Uhr oder auf die Sekunden Ihres Handys.
  3. Warten Sie zehn Sekunden zugewandt ab. Nicht wiederholen, nicht umformulieren, nichts vorschlagen.
  4. Machen Sie nach jedem Mal einen Strich, wenn der Impuls kam, früher zu sprechen.
  5. Schreiben Sie am Abend auf, was nach Sekunde sieben noch kam. Genau dort entscheidet sich, ob die Übung etwas verändert.

Fragen Sie etwas.
Schauen Sie dann auf die Uhr.
Warten Sie 10 Sekunden.
Sagen Sie in dieser Zeit nichts.
Machen Sie das heute 5 Mal.
Schreiben Sie auf: Wollten Sie früher reden?

Die Übung: Die Tagesstelle finden

In fast jedem Tag gibt es die eine Stelle, an der regelmäßig die Zeit fehlt. Diese Übung sucht sie und macht dort fünf Minuten frei — nicht einmalig, sondern dauerhaft.

  1. Gehen Sie den Tag durch und suchen Sie die eine Stelle, an der Sie immer hetzen. Häufig ist es der Morgen vor dem Fahrdienst.
  2. Schreiben Sie auf ein Blatt, was dort in welcher Reihenfolge passiert und wie viele Minuten jeder Schritt braucht.
  3. Verändern Sie eine einzige Bedingung, damit fünf Minuten entstehen. Zum Beispiel: die Kleidung am Abend vorher gemeinsam aussuchen, damit die Frage morgens nicht mehr gestellt werden muss.
  4. Probieren Sie es an drei Tagen. Notieren Sie jeden Tag mit einem Wort, ob die fünf Minuten da waren.
  5. Hält es, schreiben Sie den neuen Ablauf sauber auf und hängen Sie das Blatt dort auf, wo das Team es sieht. Hält es nicht, verändern Sie eine andere Bedingung — nicht zwei auf einmal.

Wo fehlt im Tag oft die Zeit?
Oft ist es der Morgen.
Schreiben Sie auf, was morgens passiert.
Ändern Sie 1 Sache daran.
Dann haben Sie 5 Minuten mehr.
Testen Sie das an 3 Tagen.
Klappt es? Dann schreiben Sie den neuen Ablauf auf.
Hängen Sie das Blatt für das Team auf.

Zum Nachdenken: Warum ist es fachlich falsch, Assistenzzeit nach verrichteten Handgriffen zu bemessen?

Das Gerät ist da, oder es ist nicht da

In dieser Einheit geht es nicht darum, ob Sie den Sprachcomputer bedienen können. Es geht darum, ob er da ist. Ein Gerät nützt nur, wenn es geladen ist, richtig montiert, in Reichweite und mitgenommen — ins Bad, ins Auto, ins Bett, in den Urlaub. Verfügbarkeit ist die Aufgabe, die jeden Tag neu anfällt, und im Alltag kann sie niemand außer der Assistenz erledigen.

Es gibt immer gute Gründe, das Gerät liegen zu lassen: Es stört beim Anziehen, es ist schwer, der Akku ist leer, am Bett fehlt die Halterung, es könnte kaputtgehen. Und irgendwann fällt der Satz „Sie benutzt es ja doch nicht" — meist genau dann, wenn es tagelang nicht dabei war. Jeder dieser Gründe ist nachvollziehbar. Keiner davon ändert das Ergebnis.

Trennen Sie deshalb zwei Dinge. Assistenzsache ist: laden, mitnehmen, anschalten, die Halterung anbringen, das Gerät nach dem Transfer wieder in Reichweite stellen, Schäden melden und aufschreiben, wann etwas nicht ging. Nicht Assistenzsache ist: reparieren, Halterungen umbauen, das Vokabular umstellen, Geräte auswählen, Anträge stellen. Wenn das Zweite an Ihnen hängen bleibt, fehlt jemand anderes — und dann ist das eine Meldung wert, keine Bastelei.

Der unbequeme Kern ist einfach: Ein Gerät, das nicht da ist, ist dasselbe wie kein Gerät. Für die Person macht es keinen Unterschied, ob es im Schrank liegt oder nie beschafft wurde — sie kann heute nicht sagen, was sie sagen wollte. Wer es weglässt, hat damit entschieden, dass heute nicht gesprochen wird. Das ist kein Vorwurf an eine einzelne Schicht, sondern eine Beschreibung. Nele Diercks, die selbst rund um die Uhr Assistenz nutzt, schreibt dazu: „Ein Sprachcomputer allein genügt nicht – entscheidend sind das Gegenüber und die Zeit."

Für alles, wo Technik nicht hingehört, braucht es ein zweites Bein: Dusche, Strand, Schwimmbad, Akkuende, Nacht. Eine wasserfeste Tafel mit wenigen Feldern ist dort kein Rückschritt, sondern das passende Werkzeug. Menschen verständigen sich ohnehin auf mehreren Wegen gleichzeitig — Gerät, Papier, Körper, Blick, Laut. Alle Wege bleiben gültig, und keiner ersetzt die anderen. Auch Menschen, die mit dem Mund sprechen, zeigen mit dem Finger.

Bei Gerät, Technik, Erprobung, Antrag und Support ist die Anlaufstelle REHAVISTA und deren Partnerfirmen — nicht die Assistenz und nicht AssistUK. Für unabhängige Beratung gibt es in Deutschland die EUTB. Ihre Rolle ist wichtig, aber klar begrenzt: Sie beobachten, Sie schreiben auf, was im Alltag nicht funktioniert, und Sie melden es weiter. Diese Notizen sind oft das Einzige, was die Fachleute später über den Alltag erfahren. In Deutschland zählen Kommunikationshilfen zu den Hilfsmitteln der Produktgruppe 16; die Kosten trägt nach § 33 SGB V in der Regel die Krankenkasse, und die UN-Behindertenrechtskonvention nennt in Artikel 21 die Unterstützte Kommunikation ausdrücklich.

Ein Sprachcomputer muss da sein.
Sonst hilft er nicht.
Er muss geladen sein.
Er muss richtig festgemacht sein.
Er muss in Reichweite stehen.
Nehmen Sie ihn überall mit.
Auch ins Bad und ins Bett.

Manchmal geht Technik nicht.
Zum Beispiel in der Dusche.
Oder wenn der Akku leer ist.
Dann hilft eine Tafel aus festem Plastik.
Darauf sind Bilder und Wörter.
Das ist kein Rückschritt.
Ohne Gerät und ohne Tafel kann sie nichts sagen.

Die Übung: Die Verfügbarkeitsrunde

Diese Übung zeigt in zehn Minuten, wann an einem ganz normalen Tag überhaupt gesprochen werden konnte. Bewertet wird nicht das Gerät, sondern die Situation.

  1. Nehmen Sie ein Blatt und schreiben Sie die Stunden Ihres Dienstes untereinander.
  2. Setzen Sie hinter jede Stunde ein Ja oder ein Nein: Hatte sie in dieser Stunde einen Weg in Reichweite, um etwas zu sagen?
  3. Schreiben Sie bei jedem Nein den Grund dazu. Zum Beispiel: im Bad, Gerät im Wohnzimmer.
  4. Widerstehen Sie der Frage, ob das Gerät gut ist. Die Frage lautet nur, ob es da war.
  5. Zählen Sie am Ende die Neins. Das ist die Zahl, um die es geht — und die Sie in der Übergabe nennen können.

Nehmen Sie ein Blatt Papier.
Schreiben Sie alle Stunden von heute auf.
Fragen Sie bei jeder Stunde: Konnte sie etwas sagen?
Schreiben Sie Ja oder Nein dahinter.
Schreiben Sie bei Nein den Grund dazu.
Zählen Sie am Ende die Neins.

Die Übung: Ein Ausweichsystem bauen

Am Ende der Woche hängt an einer Stelle etwas, das vorher nicht da war. Es ist für genau die Situation gedacht, in der das Gerät nie dabei ist.

  1. Suchen Sie die eine Situation, in der das Gerät nie dabei ist. Häufig sind das Dusche, Bett oder der Weg nach draußen.
  2. Sammeln Sie höchstens zwölf Felder, die genau dort gebraucht werden. Zum Beispiel: kälter, wärmer, aufhören, gleich fertig, das juckt.
  3. Wählen Sie die Felder gemeinsam mit der Person aus. Ihre Vermutung darüber, was sie sagen will, reicht nicht — zeigen Sie Vorschläge und lassen Sie sie entscheiden.
  4. Drucken und laminieren Sie die Tafel und hängen Sie sie dort auf, wo die Situation stattfindet. Nicht in den Ordner, nicht in die Schublade.
  5. Benutzen Sie die Tafel eine Woche lang selbst, bei jedem Mal. Danach ändern Sie sie: Was nie gezeigt wurde, kommt weg, was gefehlt hat, kommt dazu.

Wo ist das Gerät nie dabei?
Zum Beispiel in der Dusche.
Bauen Sie dafür eine Tafel.
Nehmen Sie höchstens 12 Felder.
Suchen Sie die Felder zusammen mit der Person aus.
Laminieren Sie die Tafel.
Hängen Sie die Tafel an diesen Ort.
Benutzen Sie die Tafel 1 Woche lang.
Danach ändern Sie die Tafel.

Zum Nachdenken: Der Akku ist leer, das Ladekabel liegt im anderen Stockwerk. Was ist der Fehler — und wo liegt er?

Pflege ist Kommunikation

In der Pflege passieren viele Handgriffe jeden Tag — und genau deshalb hören sie irgendwann auf, angekündigt zu werden. Zustimmung ist aber kein Vertrag, den man einmal abschließt und der dann für alle Zeit gilt. Sie entsteht jedes Mal neu, im Vollzug: ankündigen, warten, bestätigen lassen. Drei Schritte, von denen im Alltag fast immer der mittlere wegfällt.

„Ich bin gleich fertig“ ist deshalb keine Kommunikation, sondern eine Ansage. Der Satz gibt eine Information weiter, aber er holt keine Erlaubnis — danach geht es ohnehin weiter. Der Unterschied zwischen beidem liegt nicht im Wortlaut, sondern in dem, was danach passiert: Wer ankündigt und sofort weitermacht, hat informiert. Wer ankündigt und wartet, bis eine Antwort möglich war, hat gefragt. Die Prüffrage ist einfach: Hätte ein Nein an dieser Stelle etwas geändert? Wenn nicht, war es keine Frage.

Assistenzkräfte sind Menschen körperlich näher als fast alle anderen in deren Leben. Das ist unvermeidlich und richtig — ohne diese Nähe gibt es die Leistung nicht. Sie erzeugt aber ein Gefälle, das sich nicht wegorganisieren lässt: Einer steht angezogen daneben, der andere liegt. Wer nicht schnell nein sagen kann, kann sich schlechter wehren — nicht, weil er es nicht will, sondern weil der Handgriff längst vorbei ist, wenn die Antwort fertig wäre. Nele Diercks, die selbst rund um die Uhr Assistenz nutzt, schreibt dazu: „Ich bin kein ‚Pflegefall‘, sondern Expertin für mein eigenes Leben.“

Der wichtigste Gedanke dieser Einheit ist ein Perspektivwechsel: Pflege ist nicht die Pause von der Kommunikation, sondern ihr häufigster Ort. Man steht sich ohnehin gegenüber, die Aufmerksamkeit ist ohnehin bei der Person, und es geht um ihren Körper — also um ein Thema, bei dem sie sich besser auskennt als Sie. Diese Zeit steht im Dienstplan. Sie fällt nicht aus, sie kommt jeden Tag wieder, und damit ist sie die verlässlichste Gesprächszeit, die es überhaupt gibt. Wer sie schweigend oder mit laufendem Radio verbringt, verschenkt sie.

Damit ein Nein in der Pflege wirklich möglich ist, braucht es ein Stopp-Zeichen, das ohne Gerät funktioniert. Der Sprachcomputer liegt beim Waschen nicht in Reichweite, die Hände sind nass, die Person liegt, die Halterung ist abgebaut — die Situationen, in denen ein Stopp am dringendsten gebraucht wird, sind genau die, in denen die Technik nicht da ist. Das Zeichen muss deshalb körpereigen sein: ein Laut, ein fester Augenschluss, eine Kopfbewegung, ein Finger. Es muss in jeder Lage gehen, auch im Liegen und mit einer Hand unter der Decke. Und es muss schneller sein als ein Satz — deshalb ist es ein einzelnes Zeichen und kein Wort im Gerät.

Ein Zeichen, das nur die Frühschicht kennt, ist kein Stopp-Zeichen, sondern ein Zufall. Es gehört aufgeschrieben — wie es aussieht, was es bedeutet, was danach zu tun ist — und in jede Übergabe. Und es muss gelten: Wer auf ein Stopp mit „gleich, ich bin fast fertig“ antwortet, schafft es wieder ab. Wenn etwas wirklich nicht mitten im Ablauf abgebrochen werden kann, sagen Sie genau das — dass Sie das Zeichen gesehen haben, was noch fehlt und wann Sie aufhören. In Deutschland verlangt § 2 SGB XI ausdrücklich, dass Pflege ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht und die Wünsche der Person zur Gestaltung der Hilfe berücksichtigt werden; das ist keine Frage der Freundlichkeit, sondern der Auftrag.

Pflege ist ein guter Ort für Gespräche.
Sie sind der Person dabei ganz nah.
Sagen Sie vor jedem Handgriff, was Sie tun.
Warten Sie dann auf ein Zeichen.
Erst dann fangen Sie an.

„Ich bin gleich fertig“ ist keine Frage.
Fragen heißt: Sie warten auf die Antwort.
Machen Sie ein Stopp-Zeichen aus.
Die Person soll es immer zeigen können.
Es soll auch ohne Gerät gehen.
Stopp heißt: Sie hören sofort auf.
Schreiben Sie das Zeichen auf.
Alle im Team müssen es kennen.

Die Übung: Ankündigen und warten

Nehmen Sie sich heute einen einzigen Pflegehandgriff vor. Nur einen, dafür vollständig: Jeder Schritt wird angekündigt, und Sie warten auf ein Zeichen, bevor Sie ihn tun.

  1. Wählen Sie einen Handgriff, der heute ohnehin ansteht und keine Eile hat.
  2. Zerlegen Sie ihn vorher im Kopf in einzelne Schritte. Meist sind es mehr, als man denkt.
  3. Kündigen Sie den ersten Schritt an — ein kurzer Satz, in ganz normaler Erwachsenensprache.
  4. Warten Sie danach. Zählen Sie innerlich langsam bis zehn, ohne etwas zu tun und ohne nachzuschieben.
  5. Fahren Sie erst fort, wenn ein Zeichen gekommen ist. Kommt keins, sagen Sie, dass Sie warten, und fragen Sie noch einmal.
  6. Wiederholen Sie das bei jedem weiteren Schritt, auch bei den kleinen.
  7. Notieren Sie danach zwei Zahlen: wie lange der Handgriff sonst dauert und wie lange er heute gedauert hat.
  8. Notieren Sie außerdem die Stelle, an der es Ihnen am schwersten gefallen ist zu warten. Diese Stelle ist die interessanteste.

Suchen Sie sich heute einen Handgriff aus.
Nur einen. Dafür ganz genau.
Sagen Sie vorher, was Sie tun.
Warten Sie dann.
Zählen Sie langsam bis 10.
Fangen Sie erst nach dem Zeichen an.
Machen Sie das bei jedem Schritt.
Schreiben Sie danach auf: So lange hat es gedauert.

Die Übung: Die Stopp-Vereinbarung

Am Ende dieser Woche gibt es ein Zeichen, mit dem die Person die Pflege anhalten kann: ohne Gerät, in jeder Lage — und alle im Team kennen es.

  1. Suchen Sie gemeinsam mit der Person eine Bewegung oder einen Laut, den sie sicher und schnell zeigen kann: ein Laut, ein fester Augenschluss, eine Kopfbewegung, ein Finger, eine Hand. Wichtig ist nicht, wie deutlich es für Außenstehende aussieht, sondern dass es zuverlässig kommt.
  2. Prüfen Sie die Lagen, in denen es gelten soll: im Sitzen, im Liegen, auf der Seite, mit Kleidung über dem Kopf. Ein Zeichen, das nur im Rollstuhl funktioniert, taugt für die Pflege nicht.
  3. Üben Sie es dreimal in einer ruhigen Situation, nicht mitten in einem Handgriff. Die Person gibt das Zeichen, Sie halten sofort an — auch dann, wenn es gerade unpassend kommt.
  4. Halten Sie auf einem Blatt fest: So sieht das Zeichen aus. Es bedeutet Stopp. Stopp heißt: sofort anhalten, warten, nachfragen — nicht noch schnell zu Ende machen.
  5. Legen Sie das Blatt dorthin, wo die Schicht es findet, und sprechen Sie es in der nächsten Übergabe an. Ein Stopp-Zeichen, das nur Sie kennen, ist keins.
  6. Wenn Sie kein sicheres Zeichen finden, notieren Sie auch das und bringen Sie es ins Team. Eine offene Frage im Team ist besser als eine erfundene Sicherheit.

Machen Sie ein Stopp-Zeichen aus.
Damit sagt die Person: Bitte aufhören.
Das Zeichen geht ohne Gerät.
Zum Beispiel ein Laut.
Oder die Augen fest zumachen.
Üben Sie das 3 Mal in Ruhe.
Sie hören sofort auf. Jedes Mal.
Schreiben Sie das Zeichen auf ein Blatt.
Zeigen Sie das Blatt allen im Team.

Zum Nachdenken: Was unterscheidet Ankündigen von Erlaubnis holen?

Ihre Rückmeldung

Dieser Kurs lebt von den Menschen, die ihn benutzen. Anregungen und Verbesserungswünsche sind immer willkommen – was war unklar, was hat gefehlt, was hat in Ihrem Alltag nicht funktioniert? Schreiben Sie an lars.tiedemann@assistuk.net.

Wie fanden Sie den Kurs?
Schreiben Sie uns gerne.
Was war gut? Was war schwer?
Was hat gefehlt?
Die E-Mail-Adresse ist:
lars.tiedemann@assistuk.net

Zum Schluss

Wenn alle 3 Einheiten erledigt sind, können Sie eine Teilnahmebestätigung ausdrucken. Der Name wird nur in das Papier gedruckt – er wird nirgends gespeichert und nicht übertragen.

Sind alle Einheiten fertig?
Dann können Sie ein Blatt Papier ausdrucken.
Ihr Name kommt nur auf das Papier.
Wir speichern den Namen nicht.

Die Bestätigung wird möglich, sobald alle Einheiten erledigt sind.

Teilnahmebestätigung

Die Teilnehmerin oder der Teilnehmer hat die folgenden Lerneinheiten bearbeitet:
Assistenz im Alltag
  1. Wenn der Bedarf hoch ist
  2. Das Gerät ist da, oder es ist nicht da
  3. Pflege ist Kommunikation
Ausgedruckt am .
Diese Bestätigung hält fest, welche Lerneinheiten bearbeitet wurden.
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