1.0×
Schrift
Kontrast

Der Schrei ist ein Satz

Von Lars Tiedemann, Dipl. Heilpädagoge · Stand: August 2026
Gilt für Deutschland: Die genannten Gesetze (BTHG/SGB IX, SGB V, SGB XI) sind deutsches Recht. Die UN-Behindertenrechtskonvention gilt international – ihre Umsetzung ist von Land zu Land verschieden.
Diese Gesetze gelten in Deutschland.
Andere Länder haben andere Gesetze.
Das Recht auf Teilhabe gilt überall.

Der Schrei ist ein Satz

Wenn ein Mensch regelmäßig schreit, schlägt, spuckt, sich auf den Boden wirft oder sich selbst verletzt, reagieren Umfeld und Einrichtung mit einem vorhersagbaren Reflex: Das Verhalten soll weg. Es folgen Pläne, Absprachen, Auszeiten – und oft nach Monaten das Eingeständnis, dass alles beim Alten ist oder schlimmer wurde.

Die kommunikationsfachliche Sicht beginnt mit einer anderen Frage: nicht „Wie kriegen wir das weg?“, sondern „Was teilt es mit – und welchen besseren Weg hat dieser Mensch, dasselbe mitzuteilen?“

Sehr häufig lautet die ehrliche Antwort auf den zweiten Teil: keinen. Wer keine Worte hat, keine Gebärden, kein funktionierendes System – oder eines, das niemand beachtet –, dem bleibt der Körper. Und der Körper wird gehört: Ein Schrei unterbricht jede Besprechung, ein Wurf beendet jede unangenehme Aufgabe.

Herausforderndes Verhalten ist in dieser Lage kein Defekt, sondern die wirksamste verfügbare Kommunikation – verlässlich, schnell, unüberhörbar. Man muss sie nur übersetzen.

Manche Menschen schreien.
Oder schlagen.
Oder tun sich selbst weh.

Dann wollen alle:
Das soll aufhören.

Wir fragen etwas anderes:
Was will der Mensch damit sagen?

Denn oft ist das die einzige Art,
wie der Mensch sich mitteilen kann.
Und sie wirkt immer.

Ein Schrei ist also ein Satz.
Wir müssen ihn nur verstehen.

Vier Dinge, die Verhalten erledigt

Die Landkarte ist erstaunlich kurz. Fast jedes wiederkehrende Verhalten erledigt eine von vier Aufgaben:

Etwas bekommen

Zuwendung, einen Gegenstand, eine Tätigkeit. Ich will das. Sieh mich an.

Etwas beenden

Eine Anforderung, eine Situation, einen Reiz. Zu viel. Zu laut. Ich kann nicht mehr. Nein.

Etwas spüren

Wenn zu wenig passiert – Selbststimulation als Antwort auf Leere. Mir fehlt etwas zu tun.

Schmerz mitteilen

Die am häufigsten übersehene: Zahnschmerz, Reflux, Verstopfung, Regelschmerz, eine drückende Orthese. Es tut weh, und niemand merkt es.

Daraus folgt die erste Regel, noch vor aller Kommunikationsförderung: Bei neuem oder schlimmer werdendem Verhalten wird zuerst der Körper geprüft. Ein erheblicher Teil des „herausfordernden Verhaltens“ nicht sprechender Menschen ist unbehandelter Schmerz – und verschwindet mit der Zahnbehandlung, nicht mit dem Verhaltensplan.

Die zweite Möglichkeit, die geprüft sein muss, ist unbequemer: Verhalten kann davon erzählen, dass einem Menschen etwas angetan wird. Auch das gehört in die Reihenfolge – vor jeden Verhaltensplan.

Verhalten hat meistens einen von vier Gründen:

1. Ich will etwas haben.
Zum Beispiel: Aufmerksamkeit. Oder ein Ding.

2. Ich will, dass etwas aufhört.
Zum Beispiel: Es ist zu laut.
Oder ich soll etwas tun, das ich nicht will.

3. Mir ist langweilig.
Es passiert zu wenig.

4. Mir tut etwas weh.
Das wird am häufigsten übersehen.
Zum Beispiel Zahn-Schmerzen.

Darum gilt:
Prüfen Sie zuerst den Körper.
Erst danach kommt ein Plan.

Verstehen mit drei Spalten

Die Funktion errät man nicht am Schreibtisch – man beobachtet sie. Das Werkzeug ist so schlicht, dass es oft unterschätzt wird: aufschreiben, was vorher geschah, was genau die Person tat und was unmittelbar danach folgte.

  1. Was war davor?

    Die Situation, die Anforderung, wer im Raum war, was gerade endete oder begann.

  2. Was tat die Person?

    Beschreiben, nicht bewerten. „Sie warf den Becher“ – nicht „sie war aggressiv“.

  3. Was folgte unmittelbar?

    Was änderte sich? Kam jemand? Endete die Aufgabe? Wurde es leiser?

Wer zwei Wochen lang jede Episode so notiert, sieht in der Regel ein Muster, das vorher niemand sah: Es passiert fast nur bei Anforderungen – und es beendet sie fast immer. Oder: Es passiert fast nur in unstrukturierten Wartezeiten – und es bringt fast immer jemanden an den Tisch.

Das Muster ist die halbe Lösung, denn es beantwortet die Übersetzungsfrage: Dieses Verhalten heißt bei diesem Menschen in dieser Situation „Pause“ – oder „komm her“, oder „mir ist langweilig“.

Und es liefert regelmäßig einen unbequemen Befund: dass wir das Verhalten trainiert haben, weil es die einzige Mitteilung war, auf die wir zuverlässig reagiert haben. Einen Bogen dafür gibt es im Werkzeugkasten zum Ausdrucken.

Sie wollen verstehen, was das Verhalten bedeutet?
Dann schreiben Sie zwei Wochen lang mit.

Drei Spalten reichen:

1. Was war vorher?
2. Was hat die Person gemacht?
3. Was ist danach passiert?

Dann sehen Sie oft ein Muster.
Zum Beispiel:
Es passiert immer bei einer Aufgabe.
Und danach ist die Aufgabe vorbei.

Dann wissen Sie:
Das Verhalten heißt „Pause“.

Einen Bogen zum Ausdrucken
finden Sie im Werkzeugkasten.

Die beste Antwort ist eine bessere Mitteilung

Die Antwort des Fachgebiets darauf heißt Functional Communication Training, begründet von Edward Carr und Mark Durand 1985: Man erkennt die Funktion des Verhaltens – und lehrt eine kommunikative Form, die exakt dieselbe Funktion erfüllt, nur zuverlässiger und müheloser.

Das Kind, dessen Schreien Aufgaben beendet, bekommt eine Pause-Karte, eine Gebärde oder eine Taste – und diese Pause-Karte wirkt: sofort, jedes Mal, bei allen. Die klassische Studie zeigte 1985 beides in einem Aufbau: Die neue Mitteilung senkt das Verhalten nur dann, wenn sie dieselbe Funktion bedient. Die funktionale Passung ist der Wirkstoff – nicht die Freundlichkeit der Methode.

Vier Jahrzehnte Forschung haben daraus eine der solidesten Belege-Linien im Umfeld der Unterstützten Kommunikation (UK) gemacht, über Altersgruppen, Diagnosen und Verhaltensformen hinweg, mit teils drastischen Rückgängen selbst schwerer Selbst- und Fremdverletzung.

Für unser Feld heißt das etwas Bemerkenswertes: Die am besten belegte Verhaltensintervention besteht darin, Unterstützte Kommunikation zu machen.

Es gibt einen Weg, der gut erforscht ist.

Er geht so:
Finden Sie heraus, was das Verhalten bedeutet.
Und geben Sie der Person dafür ein besseres Zeichen.

Ein Beispiel:
Ein Kind schreit, wenn eine Aufgabe zu schwer ist.
Dann bekommt es eine Pause-Karte.
Und die Pause-Karte wirkt sofort.

Das funktioniert seit über 40 Jahren.
In vielen Studien.

Das Beste gegen schwieriges Verhalten
ist also Unterstützte Kommunikation.

Der neue Weg muss besser sein als der alte

Warum ersetzt die Karte den Schrei? Nicht aus Einsicht, sondern aus Ökonomie: Menschen – alle Menschen – benutzen den Weg, der mit dem geringsten Aufwand am zuverlässigsten wirkt.

Daran steht oder fällt die ganze Sache. Die neue Form muss dem Verhalten in drei Währungen überlegen sein:

Leichter

Motorisch niedrigschwellig: eine Taste, eine Karte, eine grobe Gebärde – kein Drei-Schritte-Pfad im Gerät.

Schneller

In der Lernphase jedes Mal und sofort beantwortet, auch wenn es gerade nicht passt. Ein „gleich“ ist am Anfang eine Nichtantwort.

Zuverlässiger

Bei allen Personen, in allen Situationen. Genau hier entscheidet sich, ob es funktioniert.

Hier scheitern die meisten Umsetzungen, und zwar immer gleich: Die Pause-Karte wird eingeführt, aber nur manchmal beachtet – der Schrei wirkt weiter jedes Mal. Dann hat man dem Menschen nicht eine bessere Mitteilung gegeben, sondern bewiesen, dass die alte die bessere ist.

Deshalb gilt: konsequenter Anfang, langsame Normalisierung. Erst wenn die neue Form sicher sitzt, kann man behutsam Wartezeiten einbauen („Pause kommt – nach diesem Schritt“). Auch das gehört zum Verfahren, nicht zur Improvisation.

Warum benutzt die Person die neue Karte?
Nur wenn die Karte besser wirkt als das Verhalten.

Besser heißt drei Dinge:

Leichter.
Eine Taste. Oder eine Karte.
Nicht drei Schritte im Gerät.

Schneller.
Am Anfang: immer sofort antworten.
Auch wenn es gerade nicht passt.

Zuverlässiger.
Alle Menschen beachten die Karte.
In jeder Situation.

Sonst lernt die Person:
Schreien wirkt besser als die Karte.

Was das für das Vokabular heißt

Aus dieser Sicht folgen drei Regeln für jedes Kommunikationssystem – und sie gehen in der Versorgungspraxis regelmäßig unter.

Die Steuerwörter zuerst

Nein. Stopp. Pause. Fertig. Hilfe. Weg. Die ablehnenden und regelnden Wörter sind die verhaltensrelevantesten des ganzen Vokabulars und gehören an die schnellsten Plätze. Ein Vokabular, mit dem man Kekse benennen, aber nicht ablehnen kann, ist eine Eskalationsmaschine.

Das Nein wird respektiert

Die härteste organisatorische Folge: Ein mitgeteiltes Nein muss Folgen haben – sonst lernt der Mensch, dass Mitteilen wirkungslos ist, und kehrt zur wirksamen Form zurück. Ein Nein respektieren heißt nicht, jede Anforderung fallen zu lassen; es heißt, es als Mitteilung zu behandeln und zu verhandeln statt zu überrollen.

Krisenfeste Ersatzwege

In der Krise greift niemand durch drei Menüebenen. Es braucht Formen, die auch dann tragen: die immer erreichbare Karte, die verabredete Gebärde, die Taste am festen Platz – das Papier neben dem Gerät, hier mit Sicherheitsbedeutung.

Daraus folgt für Ihr Vokabular:

Die wichtigen Wörter zuerst:
Nein. Stopp. Pause. Fertig. Hilfe. Weg.
Diese Wörter müssen schnell erreichbar sein.

Ein Vokabular ohne „Nein“ macht Ärger.

Das Nein muss gelten.
Sonst merkt die Person:
Reden bringt nichts.

Es braucht Karten aus Papier.
In einer Krise geht kein Gerät.

Vorbeugen ist die stärkste Form

Die wirksamste Anwendung dieser ganzen Logik ist die vorbeugende: Wer früh ein funktionierendes Mitteilungssystem hat, muss viele Verhaltensweisen nie entwickeln.

Die vier Funktionen entstehen ja nicht mit dem Verhalten. Jeder Mensch muss ablehnen, um Zuwendung bitten, Schmerz melden und Langeweile beenden können. Die Frage ist nur, mit welchen Mitteln. Jede früh etablierte Pause-Gebärde ist ein Schrei, der nie zum Repertoire wird; jedes ernst genommene Nein ein Wurf, der nie nötig wird.

Das ist zugleich das teuerste Versäumnis der Versorgungsrealität: Verhaltenskrisen bekommen Aufmerksamkeit und Budgets – die Kommunikationsversorgung, die sie verhindert hätte, galt Jahre vorher als nicht dringlich.

Am besten ist:
Der Mensch bekommt früh ein gutes System.

Dann muss er gar nicht erst schreien.
Denn er kann ja „Nein“ sagen.
Und „Pause“.
Und „Das tut weh“.

Leider kommt die Hilfe oft zu spät.
Erst wenn es Probleme gibt,
gibt es Geld und Aufmerksamkeit.

Was diese Sicht nicht behauptet

Drei Abgrenzungen, damit der Text nicht mehr verspricht, als das Fachgebiet halten kann.

Wichtig zu wissen

Nicht jedes Verhalten ist Kommunikation. Es gibt Verhalten aus Schmerz, aus neurologischen und psychiatrischen Ursachen, aus sensorischer Selbstregulation. Die Analyse prüft die kommunikative Erklärung – sie setzt sie nicht voraus.

Kommunikation ersetzt kein Krisenmanagement. Wo Menschen sich oder andere akut gefährden, braucht es Schutzkonzepte, deeskalierendes Handwerk und oft mehrere Berufsgruppen. Der hier beschriebene Weg ist die mittelfristige Strategie, nicht das Werkzeug für die akute Minute.

Und die Verantwortung wandert nicht zur Person. „Verhalten ist Kommunikation“ heißt gerade nicht „sie könnte ja anders, wenn sie wollte“, sondern: Wir schulden ihr einen Weg, der besser funktioniert als der Schrei. Die Bringschuld liegt beim Umfeld.

Drei Dinge sind wichtig:

1. Nicht jedes Verhalten will etwas sagen.
Manchmal steckt eine Krankheit dahinter.

2. In einer Krise reicht Reden nicht.
Dann braucht es auch andere Hilfe.

3. Der Mensch ist nicht schuld.
Wir müssen ihm einen besseren Weg geben.

Wie wir es halten

In unseren Vokabularen liegen die Steuerwörter – Nein, Stopp, Pause, Hilfe, fertig – an festen, schnellen Plätzen. Das ist eine unmittelbare Folge dieser Sicht.

Im Hilfe-Bereich gibt es einen geführten Kurs zur Verhaltensunterstützung, der die funktionale Sicht in Alltagsschritte übersetzt – kostenlos und ohne Konto, wie alle unsere Kurse.

Und in der Beratung gilt die Reihenfolge dieses Textes verbindlich: erst Körper und Kontext prüfen, dann die Funktion verstehen, dann die bessere Mitteilung bauen. Technik ist dabei Werkzeug im dritten Schritt und Ersatz für keinen der ersten beiden.

Bei uns gilt:

Die Wörter Nein, Stopp und Pause
stehen in allen Vokabularen an festen Plätzen.

Es gibt einen Kurs dazu.
Der Kurs ist kostenlos.

Und wir gehen immer in dieser Reihenfolge vor:
1. Körper prüfen.
2. Verstehen, was das Verhalten bedeutet.
3. Ein besseres Zeichen bauen.

Quellen und Weiterlesen

Der ausführliche Text mit geprüftem Quellenverzeichnis steht als PDF bereit: Der Schrei ist ein Satz (Grundlagentext, 2026).

  • Carr, E. G. & Durand, V. M. (1985). Reducing behavior problems through functional communication training. Journal of Applied Behavior Analysis, 18(2), 111–126. Die Gründungsstudie: Die neue Mitteilung wirkt nur bei funktionaler Passung.
  • Vier Jahrzehnte Folgeforschung zu Functional Communication Training, überwiegend kontrollierte Einzelfallserien – das Standarddesign dieses Forschungsfelds, mit den bekannten Grenzen für Verallgemeinerung und Langzeitaussagen.
  • Die Reihenfolge „erst der Körper“ folgt der klinischen Erfahrung, dass unbehandelter Schmerz eine der häufigsten und am seltensten geprüften Ursachen ist.

Dieser Text ist eine kommunikationsfachliche Einordnung, kein Verhaltenstherapie-Handbuch. Die Durchführung bei schwerem selbst- oder fremdverletzendem Verhalten gehört in erfahrene, multiprofessionelle Hände.

Den langen Text gibt es als PDF.
Er heißt: Der Schrei ist ein Satz.

Die wichtigste Studie ist von 1985.
Von Edward Carr und Mark Durand.

Dieser Text ist keine Therapie-Anleitung.
Bei schweren Fällen brauchen Sie Fach-Leute.

Weiterlesen