1.0×
Schrift
Kontrast

Künstliche Intelligenz in der Unterstützten Kommunikation

Von Lars Tiedemann, Dipl. Heilpädagoge · Stand:

KI & Unterstützte Kommunikation

Künstliche Intelligenz kann die Unterstützte Kommunikation spürbar verändern: schnelleres Antworten, bessere Wortvorhersagen, individuellere Anpassungen. Die Wirksamkeit in der Praxis ist bislang allerdings kaum durch Studien belegt – das gilt sogar für die Wortvorhersage, die es seit Jahrzehnten gibt.

Diese Seite gibt einen Überblick: was heute technisch möglich ist, welche Chancen und Fragen damit verbunden sind, und wofür wir stehen. Wer es ausführlich möchte, findet unten die Verweise auf unsere Grundlagentexte und das Positionspapier – alle kostenlos.

Computer können jetzt selbst lernen.
Das nennt man: Künstliche Intelligenz.
Die Abkürzung ist: KI.
KI hilft Menschen beim Reden mit dem Computer.
Zum Beispiel schlägt der Computer passende Wörter vor.
Das macht das Reden schneller.
Auf dieser Seite steht, was KI kann.
Und was uns dabei wichtig ist.
Es gibt auch Videos zum Anschauen.

Konkrete KI-Anwendungen in der Unterstützten Kommunikation

Wortvorhersage

KI-gestützte Sprachmodelle analysieren Kontext und Nutzerverhalten, um die wahrscheinlichsten nächsten Wörter vorherzusagen. Neuere Kommunikationssoftware bindet große Sprachmodelle ein, die den ganzen Satzzusammenhang einbeziehen — nicht nur den letzten Buchstaben. Ob das im Alltag wirklich Zeit spart, hängt von der Trefferquote und vom Tempo der Person ab; die Studienlage dazu ist seit dreißig Jahren widersprüchlich.

Satz-Generierung

KI-Assistenten können auf Basis weniger ausgewählter Schlagworte oder Symbole vollständige, grammatisch korrekte Sätze generieren. Dies reduziert die Anzahl der nötigen Tastenanschläge und beschleunigt die Kommunikation erheblich — besonders relevant bei eingeschränkter Motorik oder Ermüdung.

Personalisierte Stimmen

Neuronale Text-to-Speech-Systeme erzeugen aus wenigen Minuten Stimmaufnahmen eine synthetische Stimme, die der natürlichen Sprechstimme sehr ähnelt. Mehrere Anbieter ermöglichen das inzwischen, auch aus wenigen erhalten gebliebenen Aufnahmen. Die Passung einer Stimme reicht dabei tiefer als Klang und Akzent: Sie berührt Zugehörigkeit und Selbsterkennen.

KI-gestützte Symbolauswahl

Bilderkennungs-KI kann automatisch passende Symbole für neu erstellte Inhalte vorschlagen. Sprachmodelle können Synonym-Vorschläge, kontextbezogene Vokabularerweiterungen und Umformulierungen bieten — was die Erstellung und Pflege von Kommunikationsoberflächen erheblich vereinfacht.

Blicksteuerungs-Kalibrierung

KI-basierte Algorithmen verbessern die Präzision von Eye-Trackern durch adaptive Kalibrierungsmodelle. Sie lernen aus erfolgreichen Blickzielpunkten und korrigieren individuelle Abweichungen automatisch — ohne manuelle Neukalibrierung. Dies ist besonders wertvoll für Menschen mit variablen motorischen Zuständen.

Gestensteuerung & Brain-Computer-Interfaces

KI-gestützte Gestenerkennung ermöglicht kontaktlose Steuerung über Handbewegungen. In der Forschung werden Brain-Computer-Interfaces entwickelt, bei denen neuronale Signale direkt in Sprachausgabe übersetzt werden — relevant für Menschen mit Locked-in-Syndrom oder ALS.

KI hilft auf verschiedene Arten:
KI schlägt das nächste Wort vor.
KI kann aus wenigen Worten einen ganzen Satz machen.
KI kann eine eigene Stimme aus alten Aufnahmen erstellen.
KI hilft, die Augensteuerung besser einzustellen.
Das macht die Kommunikation schneller und einfacher.

Bilder, Musik und eigene Werkzeuge

Künstliche Intelligenz wird längst nicht nur zum Reden genutzt. Sie erzeugt Bilder, schreibt Liedtexte, komponiert Musik — und singt. Für die Unterstützte Kommunikation ist das kein Randthema: Ausdruck ist Teilhabe, und viele Wege dorthin waren bisher an eine Körperbeherrschung gebunden, die nicht jeder hat.

Wer nie einen Pinsel halten konnte, kann jetzt Bilder machen. Wer nie ein Instrument greifen konnte, kann ein Lied schreiben, das andere hören. Wer nicht singen kann, kann eine Stimme singen lassen. Das ist dieselbe Bewegung wie beim Sprechen: Die Maschine schlägt vor, der Mensch wählt — und der Mensch bestimmt, was am Ende sein Werk ist.

In der Praxis begegnet uns das an vier Stellen: beim Erzeugen von Symbolen und Material (eine Aufgabe der Fachkräfte, keine Äußerung der Person), beim Malen und Gestalten, beim Schreiben von Texten und Liedern und beim Erzeugen von Musik und Gesang.

Wo wir die Grenze ziehen: Das sind Kunst- und Ausdruckswerkzeuge — keine Therapie, kein Heilversprechen. Was dabei entsteht, gehört der Person, die es gemacht hat; und niemand muss offenlegen, mit welchem Werkzeug er gearbeitet hat.

Und dann ist da noch das Programmieren. Künstliche Intelligenz schreibt auch Software. Für dieses Feld ist das keine Nebensache, sondern vielleicht der größte Hebel: Symbole zeichnen, Vokabulare bauen, Oberflächen entwickeln, übersetzen — was Jahrzehnte an Spezialwissen und große Budgets voraussetzte, können heute deutlich mehr Menschen in kürzerer Zeit leisten. Mittelfristig heißt das: Vokabulare, Symbole und Stimmen auch für Sprachen und Kulturen, für die es sie bisher schlicht nicht gab, weil sich ihre Entwicklung wirtschaftlich nie getragen hat. Auch ein Teil dessen, was auf diesen Seiten steht, ist so entstanden — unter zwei Bedingungen: Ein Mensch prüft, bevor etwas vor einer Person landet, und Angaben über konkrete Menschen gehen nicht in fremde Systeme.

Zwei Dinge sind hier anders als beim Text: Erstens die Kennzeichnung — bei Bild, Ton und Video greift die Ausnahme für redaktionell geprüfte Inhalte nicht. Wer KI-erzeugte Bilder veröffentlicht, legt das offen; das gilt für Materialien und Produkte, nicht für die Äußerungen von Menschen. Zweitens die Verlässlichkeit: Bildmodelle setzen Verneinungen schlecht um. Wer „ohne Schrift“ verlangt, bekommt oft Schrift. Wer damit Symbole erzeugt, muss jedes Ergebnis ansehen, bevor es vor einem Menschen landet.

Ausführlich steht das in zwei Grundlagentexten: Jeder Mensch ist ein Künstler zum erweiterten Kunstbegriff und Jeder Mensch ist musikalisch zur Musik als Teilhabe. Zur Kennzeichnungsfrage: Ein Etikett ist kein Urteil. Ein Werkzeug zum Ausprobieren ist DigitalPainters.

KI kann noch mehr als beim Reden helfen.
KI kann Bilder malen.
KI kann Lieder schreiben.
KI kann Musik machen.
KI kann auch singen.
Das ist gut für Menschen,
die nicht malen oder spielen können.
Denn jeder Mensch kann Kunst machen.
KI kann auch Programme schreiben.
So gibt es bald mehr Hilfen
für mehr Sprachen auf der Welt.
Wichtig ist:
Das Werk gehört dem Menschen.
Und es ist keine Therapie.
Es ist Kunst.

Chancen und Risiken

Die Integration von KI in die Unterstützte Kommunikation eröffnet erhebliche Chancen — bringt aber auch ethische und praktische Fragen mit sich, die die UK-Community aktiv diskutiert.

Chancen

  • Schnelleres Antworten — das Tempo-Gefälle ist eine der härtesten Teilhabebarrieren
  • Mehr sagen können als Wünsche: erzählen, scherzen, widersprechen
  • Die eigene, schwer verständliche Stimme lesbar machen statt sie zu ersetzen
  • Eine eigene Stimme haben statt der zufällig verfügbaren
  • Unabhängiger von der Anwesenheit eingearbeiteter Menschen
  • Vokabulare und Symbole auch für Sprachen, für die es sie bisher nicht gab

Risiken & offene Fragen

  • Urheberschaft: Wessen Äußerung ist das — die der Person oder die des Modells?
  • Der doppelte Maßstab: Wer plötzlich mehr sagt, wird geprüft statt beglückwünscht
  • Vorenthaltung: Fachleute können zu Türstehern werden — die Sorge, die Nutzende am häufigsten nennen
  • Datenschutz: Kommunikationsinhalte gehören zum Sensibelsten, was es gibt
  • Der Ton: Glättung macht Menschen höflicher, als sie sind — und verändert, wie das Umfeld sie einschätzt
  • Sprachmodelle lernen aus dem normativen Mittel, nicht aus der Sprache dieser Person
  • Bei Menschen im Spracherwerb: automatisierte Sätze können Lerngelegenheiten wegnehmen
  • Fehlende Evidenz: kaum Studien zur Wirksamkeit in der Praxis

Eine fachverbandliche Position zu Künstlicher Intelligenz in der Unterstützten Kommunikation ist uns bislang nicht begegnet — weder international noch im deutschsprachigen Raum. Was es gibt, sind Fachaufsätze, Tagungsbeiträge und die Selbstverpflichtungen der Hersteller.

KI hat viele gute Seiten:
Kommunikation wird schneller.
Die eigene Stimme kann gespeichert werden.

Aber es gibt auch Fragen:
Wessen Worte spricht die KI?
Was passiert mit den persönlichen Daten?
Man sollte immer gut nachdenken.
Und selbst entscheiden, was man nutzen möchte.

Unsere Position

Wir haben aufgeschrieben, wofür wir stehen — in einem Satz: Es gilt, was die Person bestimmt.

Das ist keine Freundlichkeit, sondern eine Beweislastregel. Nicht die Person muss belegen, dass eine Äußerung von ihr stammt; wer zweifelt, muss begründen. Gemessen wird nicht die Autorschaft — wer hat welches Wort produziert —, sondern die Handlungsmacht: Zeigt die Person Absicht, kann sie widersprechen, abbrechen, das Thema wechseln? Dann ist die Botschaft ihre, gleich mit welchem Werkzeug sie entstanden ist. Der Gedanke stammt von der britischen Selbstvertreterin Beth Moulam.

Daraus folgen sechs Grundsätze, unter anderem: Zugang ist die Regel, Vorenthaltung braucht eine Begründung. Was die Person nicht selbst abstellen kann, darf nicht eingeschaltet sein. Der Ton gehört der Person. Und: Gekennzeichnet werden Produkte und Materialien, nicht die Äußerungen von Menschen — ein Offenlegungszwang wäre Zwangsoffenbarung der Behinderung.

Vier Texte führen das aus, alle kostenlos:

  • Es gilt, was die Person bestimmt — das Positionspapier: sechs Grundsätze, acht Selbstverpflichtungen, Erwartungen an Hersteller, Fachkräfte, Kostenträger und Forschung. 11 Seiten.
  • Wessen Worte sind das? — wie Künstliche Intelligenz in der Praxis eingesetzt wird, mit einem gemeinsamen Bericht von Nele Diercks und Lars Tiedemann und Bildschirmfotos aus ihrem Alltag.
  • Hilfe, die nicht übernimmt — die Ethik aller Hilfen, nicht nur der Künstlichen Intelligenz: Ko-Konstruktion, Wortvorhersage und vorgefertigte Sätze werfen dieselbe Frage auf. Mit zwölf Regeln für die Praxis.
  • Ein Etikett ist kein Urteil — was die europäische KI-Verordnung seit dem 2. August 2026 an Kennzeichnung verlangt, und was sie ausdrücklich nicht verlangt.

Alle Texte zu Künstlicher Intelligenz

Wir haben unsere Regeln aufgeschrieben.
Die wichtigste Regel ist:
Der Mensch entscheidet, was gesagt wird.
Nicht der Computer.
Der Mensch muss nichts beweisen.
Niemand darf für den Mensch antworten.
Der Mensch muss die Hilfe ausschalten können.
Es gibt 4 Texte dazu.
Alle Texte sind kostenlos.

Videos zu KI & Unterstützte Kommunikation

Hier gibt es Videos zum Anschauen.
Die Videos erklären, wie KI beim Sprechen hilft.
Man kann die Videos auf dieser Seite abspielen.
Dafür muss man auf den Knopf drücken.

KI und Unterstützte Kommunikation

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.

Sprachmodelle in der Unterstützten Kommunikation

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.

KI-gestützte Kommunikation

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.

Zukunft der Unterstützten Kommunikation mit KI

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.

Was KI in der Unterstützten Kommunikation beschleunigen darf, was sie nie ersetzen darf – und die sechs Prüffragen für jedes heutige und künftige Werkzeug – bündelt der Grundlagentext: „Wessen Worte sind das?“ (PDF). Weitere Texte unter Downloads → Grundlagentexte.

Es gibt einen längeren Text über KI.
Er sagt: Die Wörter gehören der Person.