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Wenn etwas nicht stimmt

Von Lars Tiedemann, Dipl. Heilpädagoge · Stand: August 2026
Gilt für Deutschland: Die genannten Gesetze sind deutsches Recht. Die UN-Behindertenrechtskonvention gilt international – ihre Umsetzung ist von Land zu Land verschieden.
Diese Gesetze gelten in Deutschland.
Andere Länder haben andere Gesetze.
Das Recht auf Teilhabe gilt überall.

Wozu diese Seite

Keine ärztliche Beratung und keine Diagnose. Diese Seite hilft beim Bemerken und beim Beschreiben – damit man rechtzeitig hingeht und im Termin sagen kann, was aufgefallen ist. Was es ist, stellt die Ärztin fest.

Medizinische Texte erklären, was eine Erkrankung ist und wie sie behandelt wird. Was sie fast nie erklären, ist der Teil, der im Leben mit Behinderung alles entscheidet: Woran merkt man es, wenn die Person es nicht sagen kann?

Deshalb hat hier jeder Eintrag dieselben drei Teile: was es ist, woran man es ohne Worte merkt, und was hilft. Kein Lexikon – zwölf Beschwerden, die im Alltag häufig sind und häufig zu spät bemerkt werden.

Ein Satz gilt bei allen: Nicht der Dauerzustand ist das Zeichen, sondern die Veränderung. Was ist heute anders als letzte Woche? Wer das aufschreibt, hat im Termin einen Befund – und keine Vermutung.

Wichtig:
Hier steht keine ärztliche Beratung.
Hier steht keine Diagnose.

Diese Seite hilft beim Bemerken.
Damit Sie rechtzeitig zum Arzt gehen.

Bei jedem Thema steht:
Was ist das?
Woran merkt man es ohne Worte?
Was hilft?

Das Wichtigste bei allem:
Was ist heute anders als sonst?
Schreiben Sie das auf.
Und nehmen Sie es mit zum Arzt.

Zwölf Dinge, die oft zu spät bemerkt werden

Harnwegs-Infekt

Was ist das

Eine Entzündung der Blase. Normalerweise brennt es beim Wasser-Lassen – aber genau dieses Zeichen fällt weg, wenn jemand es nicht sagen kann oder einen Katheter hat. Sehr häufig und sehr häufig zu spät erkannt.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Plötzliche Verwirrtheit oder Unruhe, die es gestern noch nicht gab
  • Häufiger auf die Toilette wollen, kleine Mengen, drängend
  • Trüber oder stark riechender Urin
  • Griff in den Unterbauch, Abwehr beim Waschen im Intimbereich
  • Stärkere Spastik, schlechter Schlaf, kein Appetit
Was hilft
  • Urin untersuchen lassen – das klärt es schnell.
  • Genug trinken, soweit das erlaubt ist.
  • Bei häufigen Infekten zur Urologin: Blase und Nieren genauer ansehen.

Sofort zur Ärztin bei Fieber, Schmerzen seitlich am Rücken oder Blut im Urin.

Verstopfung

Was ist das

Der Darm kommt nicht in Gang. Bei wenig Bewegung, bei bestimmten Medikamenten und bei angedickter Kost ist das kein Randthema, sondern Alltag – und eine der häufigsten Ursachen für Unruhe, die niemand einordnet.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Harter, aufgeblähter Bauch; Abwehr beim Anfassen
  • Weniger Appetit, Übelkeit, Aufstoßen
  • Unruhe, Weinen, Pressen ohne Ergebnis
  • Paradox: plötzlich dünner Stuhl, der an einer harten Masse vorbeiläuft
Was hilft
  • Mitschreiben, wann Stuhlgang war – ohne Aufzeichnung merkt es niemand.
  • Trinken, Bewegung und Ballast-Stoffe, soweit möglich.
  • Mit der Ärztin besprechen, ob ein Medikament die Ursache ist.

Sofort zur Ärztin bei Erbrechen, hartem gespanntem Bauch oder wenn mehrere Tage nichts geht.

Zahn-Schmerzen

Was ist das

Zähne werden bei Menschen mit Behinderungen deutlich seltener kontrolliert und deutlich später behandelt. Ein kranker Zahn tut ständig weh und wird trotzdem oft erst bemerkt, wenn das Essen aufhört.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Isst plötzlich weniger oder nur noch Weiches
  • Kaut einseitig, lässt Kaltes oder Heißes stehen
  • Hand ans Gesicht, Reiben an der Wange
  • Mundgeruch, geschwollene Wange, Speichelfluss
  • Schläft schlecht, ist gereizt
Was hilft
  • Zur Zahn-Ärztin, auch ohne sichtbaren Grund – einmal im halben Jahr.
  • Nach einer Praxis fragen, die Behandlung in Narkose anbietet, wenn es anders nicht geht.
  • Mundpflege ist Schmerz-Vorbeugung, nicht Kosmetik.
  • Manche Medikamente machen den Mund trocken oder das Zahnfleisch dick – das gehört der Zahnärztin gesagt.

Verschlucken und Schluck-Störung

Was ist das

Wenn Essen oder Trinken in die Luftröhre statt in die Speise-Röhre geht. Das kann leise passieren, ohne Husten. Aus verschluckter Nahrung wird eine Lungen-Entzündung – einer der häufigsten Gründe für Krankenhaus-Aufenthalte.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Husten oder Räuspern beim Essen, feuchte gurgelnde Stimme danach
  • Lange Essenszeiten, Essen bleibt im Mund
  • Wiederkehrendes Fieber ohne erkennbaren Grund
  • Angst vor dem Essen, Abwehr beim Anreichen
Was hilft
  • Zur Logopädie – sie stellt fest, was sicher geht, und übt es.
  • Aufrecht sitzen, kleine Portionen, keine Ablenkung, nach dem Essen sitzen bleiben.
  • Angedickte Kost nur nach Anweisung, nicht nach Gefühl.
  • Was gilt, gehört aufgeschrieben – damit es auch am Wochenende stimmt.

Sofort 112 bei Atem-Not oder wenn nicht mehr gehustet werden kann. Was dann zu tun ist, steht bei Hilfe rufen können.

Schmerz durch Spastik – und Spastik durch Schmerz

Was ist das

Spastik ist keine Krankheit, sondern ein Zeichen. Sie nimmt zu bei Schmerz, Angst, Kälte, schlechter Lagerung und bei voller Blase. Deshalb gilt: Plötzlich stärkere Spastik ist oft der einzige Schmerz-Hinweis, den es gibt.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Muskeln sind fester als sonst, ohne dass sich etwas anderes geändert hätte
  • Eine Bewegung, die gestern ging, geht heute nicht
  • Abwehr beim Umlagern oder Anziehen
  • Unruhe abends, schlechter Schlaf
Was hilft
  • Erst die einfachen Ursachen abklopfen: volle Blase, Verstopfung, Druckstelle, zu kalt, schlechte Sitzposition, ein Zahn.
  • Regelmäßige Physio-Therapie und gute Sitzversorgung.
  • Wenn Medikamente oder Kranken-Gymnastik nicht mehr helfen, das sagen – es gibt weitere Wege.

Druckstellen

Was ist das

Wer viel sitzt oder liegt und die Position nicht selbst ändern kann, bekommt Druckstellen. Sie entstehen in Stunden und heilen in Wochen.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Gerötete Stelle, die nach dem Umlagern nicht wieder weiß wird
  • Abwehr beim Lagern auf eine bestimmte Seite
  • Unruhe, die beim Positionswechsel nachlässt
Was hilft
  • Täglich anschauen – Gesäß, Fersen, Steissbein, unter Schienen und Gurten.
  • Regelmäßig umlagern, Druck verteilen, Sitzkissen prüfen lassen.
  • Früh zur Ärztin: eine Rot-Färbung ist behandelbar, eine offene Wunde dauert.

Sofort zur Ärztin, wenn die Haut offen ist oder nässt.

Unterzuckerung bei Diabetes

Was ist das

Wer Insulin spritzt oder bestimmte Diabetes-Tabletten nimmt, kann unterzuckern. Das ist der eigentliche Notfall – und er wird oft für Verhalten gehalten.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Plötzliche Gereiztheit, Aggression oder Verwirrtheit
  • Zittern, Schwitzen, Blässe, Herzklopfen
  • Heißhunger, dann Teilnahmslosigkeit
Was hilft
  • Wenn die Person wach ist und sicher schlucken kann: Traubenzucker oder Saft, danach etwas Brot.
  • Blut-Zucker messen, wenn ein Gerät da ist.
  • Mit der Ärztin aufschreiben, was im Fall der Fälle zu tun ist.

Bei Bewusstlosigkeit oder Schluck-Störung: nichts in den Mund, stabile Seitenlage, 112.

Schild-Drüsen-Unterfunktion

Was ist das

Die Schild-Drüse sitzt vorn am Hals und gibt Hormone ins Blut. Arbeitet sie zu wenig, wird man langsam, müde und schwer. Das sieht aus wie eine Wesensart und ist eine Blut-Untersuchung entfernt.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Immer müde, weniger Antrieb, mehr Schlaf
  • Gewichts-Zunahme ohne mehr zu essen
  • Frieren, trockene Haut, Verstopfung
  • Wird oft als Depression oder als Nachlassen gedeutet
Was hilft
  • Blut-Test beim Haus-Arzt – er klärt es eindeutig.
  • Behandelt wird meist mit Tabletten, die morgens nüchtern genommen werden.
  • Wenn feste Frühstückszeiten das schwer machen: das ansprechen, statt die Einnahme schleifen zu lassen.

Depression

Was ist das

Eine Krankheit, keine Stimmung. Sie ist bei Menschen mit Behinderungen häufig und wird besonders oft übersehen – weil Rückzug und Antriebslosigkeit der Behinderung zugeschrieben werden.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Zieht sich zurück, macht nicht mehr mit bei dem, was früher Freude machte
  • Schläft anders, isst anders, weint häufiger
  • Wird gereizt oder aggressiv – auch das kann Depression sein
  • Wirkt verlangsamt, kommt morgens nicht in Gang
Was hilft
  • Zur Haus-Ärztin, zur Psychiaterin oder zur Psycho-Therapeutin.
  • Psycho-Therapie ist auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten möglich – sie wird nur zu selten angeboten.
  • Körperliche Ursachen mit abklären lassen, zum Beispiel die Schild-Drüse.

Wenn jemand sagt oder zeigt, dass er nicht mehr leben will: Telefon-Seelsorge 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, kostenlos, Tag und Nacht – oder 116 123. Und heute noch einem Menschen sagen, dem Sie vertrauen.

Epilepsie

Was ist das

Bei einem Anfall arbeitet das Gehirn kurz nicht richtig. Medikamente können Anfälle verhindern; regelmäßiger Schlaf und feste Einnahme-Zeiten gehören dazu.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Kurze Abwesenheit: der Blick geht ins Leere, ein Satz bricht ab
  • Zucken einzelner Muskeln, Sturz ohne Vorwarnung
  • Danach: Verwirrtheit, Müdigkeit, Kopf-Schmerzen
  • Häufungen nach schlechtem Schlaf oder vergessener Einnahme
Was hilft
  • Anfalls-Kalender führen und zu jedem Termin mitbringen.
  • Medikamente jeden Tag zur gleichen Zeit.
  • Schriftlich regeln, wer im Notfall ein Bedarfs-Medikament geben darf.
  • Ein Helm ist ein Angebot zum Schutz, keine Vorschrift.

112 bei einem Anfall über fünf Minuten, beim ersten Anfall, bei Verletzung – Einzelheiten bei Hilfe rufen können.

Demenz – auch früh

Was ist das

Eine Erkrankung des Gehirns. Wichtig für unsere Zielgruppe: Bei Menschen mit Down-Syndrom beginnt eine Alzheimer-Demenz häufig deutlich früher als sonst, oft schon ab etwa 40 Jahren.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Verliert Fähigkeiten, die sicher saßen – Anziehen, Weg zur Toilette
  • Findet sich in vertrauten Räumen nicht mehr zurecht
  • Zieht sich zurück, schläft anders, wird ängstlich
  • Kommunikation verändert sich: weniger Worte, mehr Zeigen
Was hilft
  • Abklären lassen – anderes sieht ähnlich aus: Depression, Schild-Drüse, Hörverlust, Medikamente.
  • Feste Abläufe, Ruhe, mehr Zeit, weniger Reize.
  • Kommunikation mitwachsen lassen: Fotos, Symbole, kurze Sätze, immer dieselben Worte für dieselbe Sache.
  • Nicht streiten, nicht korrigieren – ein guter Freund sein.

Hörverlust und Seh-Probleme

Was ist das

Beides wird massiv übersehen – und beides wird als Nicht-Verstehen, Verweigerung oder Nachlassen gedeutet. Dabei ist es messbar, auch ohne Sprechen.

Woran man es merkt, wenn jemand nicht spricht
  • Reagiert nicht mehr, wenn man von hinten spricht
  • Dreht den Kopf immer zur selben Seite, stellt lauter
  • Stößt an, greift daneben, meidet Treppen und Schwellen
  • Wird in Gruppen still, wirkt abwesend
Was hilft
  • Hör-Test geht auch ohne Mitmachen – es gibt objektive Messungen.
  • Manchmal ist es nur Ohrenschmalz. Das ist in fünf Minuten erledigt.
  • Beim Sehen an CVI denken: eine Seh-Störung im Gehirn bei gesundem Auge. Sie entscheidet darüber, wie Tafeln und Augensteuerung gestaltet sein müssen.

Hier stehen 12 Themen.

Bei jedem Thema steht:
Woran Sie es merken.
Und was hilft.

Die Themen sind:
Blasen-Entzündung.
Verstopfung.
Zahn-Schmerzen.
Verschlucken.
Spastik und Schmerz.
Druckstellen.
Unterzuckerung.
Schild-Drüse.
Depression.
Epilepsie.
Demenz.
Hören und Sehen.

Schalten Sie oben auf die schwere Sprache um,
um alles zu lesen.
Oder fragen Sie jemanden,
der es Ihnen vorliest.

Aufschreiben, was auffällt

Die Person und ihr Umfeld

Vier Zeilen genügen

  • Was ist anders? So genau wie möglich, ohne Deutung: „isst seit Montag nur noch Weiches“ statt „hat schlechte Laune“.
  • Seit wann und wie oft?
  • Was macht es besser, was macht es schlimmer?
  • Was hat sich sonst geändert – ein neues Medikament, ein neuer Rollstuhl, eine neue Person im Dienst?
Ärztinnen, Ärzte, Pflege

Das ist ein Befund

  • Beobachtungen des Umfelds sind bei Menschen ohne Lautsprache oft der einzige Zugang zu einem Symptom. Sie gehören in die Akte, nicht in den Small Talk.
  • Bei jeder Verhaltensänderung zuerst körperliche Ursachen und die Medikamentenliste prüfen, bevor eine psychiatrische Erklärung gesucht wird.
  • Die häufigsten Kandidaten sind unspektakulär: Zahn, Blase, Darm, Ohr, Druckstelle.
  • Fragen Sie die Person selbst – mit Ja und Nein, mit Zeigen, mit ihrem Gerät.

Fertige Felder zum Zeigen gibt es auf Wo tut es weh? – Ort, Art, Stärke und Dauer lassen sich dort zusammenstellen und ausdrucken.

Schreiben Sie 4 Sachen auf:

1. Was ist anders?
Schreiben Sie genau, was Sie sehen.

2. Seit wann?
Und wie oft?

3. Was macht es besser?
Was macht es schlimmer?

4. Was hat sich sonst geändert?
Zum Beispiel ein neues Medikament.

Nehmen Sie den Zettel mit zum Arzt.

Was hier nicht steht

Diese Seite ist bewusst schmal. Sie erklärt keine Krankheiten im Einzelnen, sie nennt keine Medikamente und sie ersetzt kein Gespräch. Wer nachschlagen möchte, was eine Untersuchung ist, findet das bei Untersuchungen verstehen; wer wissen möchte, wer zuständig ist, bei Welche Ärztin macht was?.

Wenn Ihnen ein Thema fehlt, schreiben Sie uns. Uns hilft dabei: Woran haben Sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt – und was hätten Sie an dieser Stelle gerne gewusst?

Diese Seite ist kurz.
Hier steht nicht alles.

Fehlt Ihnen ein Thema?
Dann schreiben Sie uns.

Schreiben Sie dazu:
Woran haben Sie es gemerkt?

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