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Kommunikation und Assistenz

Reden gehört zur Assistenz

Von Lars Tiedemann, Dipl. Heilpädagoge · Stand: August 2026
Gilt für Deutschland: Die genannten Gesetze (BTHG/SGB IX, SGB V, SGB XI) sind deutsches Recht. Die UN-Behindertenrechtskonvention gilt international – ihre Umsetzung ist von Land zu Land verschieden.
Diese Gesetze gelten in Deutschland.
Andere Länder haben andere Gesetze.
Das Recht auf Teilhabe gilt überall.

Kein Zusatz, sondern Bestandteil

Assistenz wird meist als körperliche Unterstützung gedacht: heben, tragen, reichen, begleiten. Das ist die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte steht im Gesetz, und sie wird regelmäßig überlesen:

Assistenzleistungen beinhalten die Verständigung mit der Umwelt in allen genannten Bereichen – also im Haushalt, in den sozialen Beziehungen, in der Lebensplanung, in der Freizeit (§ 78 Abs. 1 SGB IX). Und der Leistungskatalog der Sozialen Teilhabe führt „Leistungen zur Förderung der Verständigung“ eigens auf (§ 113 Abs. 2 Nr. 6).

Daraus folgt ein Satz, der viele Diskussionen abkürzt: Kommunikation ist keine Zusatzleistung, die man neben der Assistenz beantragt. Sie ist Bestandteil jeder Assistenz – vom Einkauf bis zum Elternabend.

Die Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation hat die Kette dahinter zugespitzt: „Ohne Assistenz keine Teilhabe. Ohne qualifizierte Assistenz keine Unterstützte Kommunikation. Ohne Unterstützte Kommunikation keine Selbstbestimmung.“ Fällt ein Glied weg, bricht die ganze Kette.

Viele denken bei Assistenz nur an den Körper.
Zum Beispiel: heben und tragen.

Aber im Gesetz steht auch:
Zur Assistenz gehört das Reden.

Das heißt:
Ich muss das Reden nicht extra beantragen.
Es gehört einfach dazu.

Denn ohne Reden kann ich nicht mitbestimmen.
Und ohne Mitbestimmen ist es mein Leben nicht.

Es gibt nicht die eine Form

Wer „Unterstützte Kommunikation“ hört, denkt oft an ein Gerät mit Sprachausgabe. Das ist eine Form von vielen. Menschen äußern sich

  • über ein Sprachausgabegerät, mit Touch, Taster, Blick oder Bewegung angesteuert,
  • über eine Symboltafel aus Papier oder eine Klarsichttafel, auf die gezeigt oder geblickt wird,
  • über Gebärden und körpereigene Zeichen,
  • über Blickbewegungen zu Gegenständen, Bildern oder Personen,
  • über ein verabredetes Ja-Nein-Zeichen – ein Blinzeln, ein Kopfdrehen, ein Laut,
  • über Mimik, Laute und Körperspannung, die das vertraute Umfeld liest,
  • über Schrift – Buchstabentafel, Tastatur, Wortvorhersage.

Die meisten Menschen nutzen mehrere Formen nebeneinander – und wechseln zwischen ihnen, je nach Ort, Tagesform, Gegenüber und Tempo. Das ist kein Notbehelf, sondern gute Praxis: In der Besprechung trägt vielleicht das Gerät, im Schwimmbad die wasserfeste Karte, im Lärm das vereinbarte Zeichen, beim müden Abend das bloße Ja und Nein.

Für die Assistenz heißt das: nicht eine Form bedienen können, sondern die Form bereithalten, die gerade trägt. Wer nur das Gerät kennt, steht hilflos da, sobald es leer, nass oder zu langsam ist.

Es gibt viele Arten zu reden.
Nicht nur ein Gerät.

Zum Beispiel:
Ein Sprech-Gerät.
Eine Tafel aus Papier.
Gebärden mit den Händen.
Schauen mit den Augen.
Ein Zeichen für Ja und Nein.
Laute und Mimik.
Schreiben mit Buchstaben.

Die meisten nutzen mehrere Arten.
Mal so und mal so.
Im Schwimm-Bad geht kein Gerät.
Dann nehme ich eine Karte aus Plastik.

Die Assistenz muss alle Arten kennen.
Nicht nur eine.

Was „vorhalten“ heißt

Der Begriff klingt nach Verwaltung und meint etwas sehr Praktisches. Vorhalteleistung heißt: Die Möglichkeit, sich mitzuteilen, muss bestehen, wann immer gelebt wird – nicht nur zur Therapiestunde, nicht nur wenn die Fachkraft da ist, nicht nur wenn das Gerät zufällig geladen auf dem Tisch steht.

Der Grund liegt in der Sache selbst: Kommunikation ist nicht planbar. Wann ein Mensch etwas sagen, fragen oder mit jemandem ins Gespräch kommen möchte, lässt sich nicht in Zeitfenster legen. Die Begegnung im Treppenhaus, die Rückfrage beim Arzt, der Streit am Abend, der Wunsch um drei Uhr nachts – sie passieren jetzt.

Praktisch bedeutet Vorhalten vier Dinge:

  1. Erreichbar. Das System ist montiert, geladen und in Reichweite – auch vom Bett, auch vom Sofa, auch auf der Toilette, auch unterwegs. Ein Gerät im Schrank ist kein Kommunikationsmittel.
  2. Bedient. Jede Assistenzkraft kann die Formen der Person benutzen – nicht nur die Stammkraft, nicht nur die Fachkraft.
  3. Abgewartet. Die Zeit für eine Äußerung ist Teil der Leistung, nicht ihre Störung. Wer nicht wartet, bekommt keine Antwort – und schließt daraus fälschlich, es gäbe keine.
  4. Abgesichert. Es gibt eine Rückfallebene, wenn die erste Form ausfällt – dazu der nächste Abschnitt.

Ein vorgehaltenes Gerät bei einem Umfeld, das nicht wartet, ist Dekoration.

Vorhalten heißt:
Ich kann immer reden.
Nicht nur zu bestimmten Zeiten.

Denn Reden kann man nicht planen.
Ich treffe jemanden im Flur.
Ich habe nachts Schmerzen.
Das passiert einfach.

Dazu gehören 4 Dinge:

1. Mein Gerät ist in der Nähe.
Auch im Bett. Auch auf der Toilette.

2. Jede Assistenz kann damit umgehen.

3. Alle warten auf meine Antwort.

4. Es gibt einen Plan B.

Die Rückfallebene

Technik fällt aus. Der Akku ist leer, das Ladekabel liegt zu Hause, das Gerät ist im Aufwachraum nicht dabei, im Schwimmbad wäre es zerstört, am Lagerfeuer spiegelt der Bildschirm, im Konzert ist die Lautsprache der Maschine zu leise.

Deshalb gehört zu jeder elektronischen Form eine zweite, stromlose: eine Papiertafel, eine Buchstabenkarte, eine laminierte Ja-Nein-Karte, ein körpereigenes Zeichen, das das Umfeld sicher liest. Sie hängt oder liegt dort, wo der Ausfall wahrscheinlich ist – im Bad, im Auto, in der Notfallmappe, im Rucksack.

Die Rückfallebene ist kein Rückschritt. Sie ist die Form, die dann trägt, wenn es darauf ankommt – und der Moment, in dem Technik ausfällt, ist oft genau der, in dem etwas Wichtiges zu sagen ist.

Technik geht manchmal kaputt.
Oder der Akku ist leer.

Darum brauche ich noch etwas ohne Strom:
Eine Tafel aus Papier.
Eine Karte mit Buchstaben.
Ein Zeichen für Ja und Nein.

Das liegt da, wo ich es brauche.
Im Bad. Im Auto. Im Rucksack.

Das ist kein Rückschritt.
Das ist mein Plan B.

Gemeinsam formulieren – und die Grenze dabei

Oft entsteht eine Äußerung nicht allein, sondern gemeinsam: Die Person gibt Stichwörter, Anfangsbuchstaben oder eine Richtung vor; die Assistenz fragt nach, bietet Möglichkeiten an, wartet auf Bestätigung. Diese Ko-Konstruktion ist kein Mangel, sondern der Normalfall – auch Lautsprache entsteht im Gespräch, wird aufgegriffen, erweitert und zurückgespiegelt. Genau das nennen wir bei sprechenden Kindern vorbildliche Sprachförderung.

Damit die Äußerung dabei die der Person bleibt, gelten drei Bedingungen:

  • Die Absicht kommt von der Person – nicht aus der Erwartung der Assistenz, nicht aus dem, was das Gegenüber gerade gesagt hat. Die Hilfe darf den Weg abkürzen, nicht den Anlass liefern.
  • Die letzte Wahl ist real – sichtbar oder hörbar, ablehnbar, korrigierbar, mit genug Zeit. Eine Wahl unter Zeitdruck oder mit nur einer Möglichkeit ist keine.
  • Wer mitformuliert hat, sagt es. Nicht die Person muss sich erklären, sondern die Assistenz: „Ich habe formuliert, sie hat bestätigt.“ Das ist keine Selbstanklage, sondern die Grundlage dafür, dass der Person geglaubt wird.

Und der Maßstab, an dem sich das prüfen lässt, ist nicht die Frage „Stammt dieses Wort wirklich von ihr?“ – die ist bei gemeinsam entstandenen Äußerungen unbeantwortbar und lädt zum Testen ein. Die prüfbare Frage lautet: Kann die Person widersprechen, korrigieren, abbrechen, das Thema wechseln? Wenn ja, ist die Botschaft ihre.

Oft reden wir zusammen.
Ich sage ein Wort oder einen Buchstaben.
Die Assistenz fragt nach.
Ich sage: Ja, genau so.

Das ist normal.
Auch sprechende Menschen machen das.

Dabei gelten 3 Regeln:

1. Die Idee kommt von mir.

2. Ich darf Nein sagen.
Und ich darf es ändern.
Und ich habe genug Zeit.

3. Wer mitgeholfen hat, sagt das.

Die wichtigste Frage ist nicht:
Wer hat das Wort gemacht?
Sondern:
Kann die Person Nein sagen?

Einweisung ist Dienstpflicht, nicht Kür

Ein Kommunikationssystem nützt nur so viel, wie das Umfeld damit umgehen kann. Deshalb gilt in einem gut organisierten Assistenzverhältnis eine schlichte Regel:

Jede neue Assistenzkraft wird in die Kommunikationsform eingewiesen, bevor sie die erste Schicht allein übernimmt.

Das Gesetz setzt dafür einen Maßstab: Assistenzkräfte müssen in einer für die Person wahrnehmbaren Form kommunizieren können und persönlich geeignet sein (§ 124 SGB IX); bei besonderen kommunikativen Anforderungen kann dafür der Einsatz von Fachkräften nötig sein.

Die Einweisung selbst dauert selten lange – oft zehn Minuten pro Person – und entscheidet über Monate. Sie umfasst vier Dinge: Wie äußert sich dieser Mensch? Wie sehen sein Ja und sein Nein aus? Wie lange dauert eine Antwort? Was tue ich, wenn ich nicht verstanden habe? Die letzte Frage hat genau eine richtige Antwort: nachfragen oder eine Auswahl anbieten – nicht so tun, als hätte man verstanden.

Das Werkzeug dafür ist die Anleitung aus eigener Feder: eine Mappe, in der die Person selbst festhält, wie sie kommuniziert und unterstützt werden will. Für kurze Wege – Klinik, Vertretung, Ausflug – gibt es die einseitige Fassung, den Kommunikationspass.

Ein Gerät hilft nur,
wenn die anderen es auch können.

Darum gilt:
Jede neue Assistenz lernt zuerst,
wie ich rede.

Erst danach arbeitet sie allein.

Das steht auch im Gesetz.

Die Einweisung dauert oft nur 10 Minuten.
Sie beantwortet 4 Fragen:
Wie rede ich?
Wie sieht mein Ja und mein Nein aus?
Wie lange dauert eine Antwort?
Was tun, wenn Sie mich nicht verstehen?

Die letzte Antwort ist wichtig:
Fragen Sie nach.
Tun Sie nicht so, als hätten Sie verstanden.

Das Vokabular reist mit dem Leben

Ein Wortschatz ist nicht neutral. Wer das Vokabular auswählt, bestimmt vor, was überhaupt gesagt werden kann – und was mit vertretbarem Aufwand gesagt werden kann. Im Alltag ist das fast dasselbe: Ein Wort, das zwölf Schritte entfernt liegt, existiert praktisch nicht.

Deshalb gehört zu jedem Lebensbereich sein Wortschatz:

  • Wohnen – der Tagesablauf, die eigenen Regeln, das Rufen bei Nacht;
  • Arbeit – die Namen der Kolleginnen, die Fachwörter der Tätigkeit, Pause und Krankmeldung;
  • Schule – die Fachwörter jedes Fachs, dazu das Drankommen und das Widersprechen;
  • Freizeit – Spielernamen, Zugansagen, das Triumphieren und das Schimpfen;
  • Krankenhaus – Schmerz, Übelkeit, Angst, Zustimmung und Ablehnung.

Und quer durch alle Bereiche gehören die unbequemen Wörter dazu – mit derselben Zugriffsgeschwindigkeit wie die höflichen: Nein. Stopp. Das will ich nicht. Hören Sie auf. Ich möchte mit jemand anderem sprechen. Ich möchte eine andere Assistenz. Eine Person, die der Assistenzkraft nur mit deren eigener Hilfe widersprechen könnte, kann es faktisch nicht.

Auf meinem Gerät müssen die richtigen Wörter sein.
Ein Wort ganz tief im Gerät
kann ich fast nicht benutzen.

Für jeden Ort brauche ich andere Wörter:
Zu Hause andere als bei der Arbeit.
In der Schule andere als beim Sport.

Ganz wichtig sind auch böse Wörter:
Nein. Stopp. Hören Sie auf.
Das will ich nicht.
Ich will eine andere Assistenz.

Diese Wörter müssen schnell da sein.
Genauso schnell wie Danke und Bitte.

Woran man gute Kommunikationsassistenz erkennt

Die Qualität der Assistenz entscheidet wesentlich über die kommunikativen Möglichkeiten einer Person. Die Forschung ist hier ungewöhnlich deutlich: Kommunikationspartnerinnen und -partner haben einen mindestens ebenso großen Einfluss auf den Kommunikationserfolg wie die nutzende Person selbst (Light & McNaughton, 2014). Und diese Partner-Kompetenz ist erlernbar – eine Meta-Analyse zur gezielten Schulung belegt deutliche Verbesserungen (Kent-Walsh u. a., 2015).

Woran man sie im Alltag erkennt:

  • Sie kennt das System – weiß, wo wichtige Wörter liegen, und hilft beim Navigieren, ohne die Kontrolle zu übernehmen.
  • Sie zeigt selbst darauf (Modeling): Sie benutzt die Symbole und die Tafel beim Sprechen mit – so wird die Form zur gemeinsamen Sprache statt zum Werkzeug des einen.
  • Sie wartet – und hält die Stille aus, die dabei entsteht.
  • Sie prüft nach, ob sie richtig verstanden hat, statt Bedürfnisse vorwegzunehmen.
  • Sie beantwortet keine Frage, die der Person gestellt wurde – sie gibt sie weiter, auch wenn es länger dauert.
  • Sie hält die Technik am Laufen – lädt, montiert, löst kleine Störungen, holt Hilfe bei großen.

Forscher haben herausgefunden:
Die Partner sind genauso wichtig
wie die Person selbst.

Gute Assistenz erkennt man so:

Sie kennt mein Gerät.
Sie zeigt selbst auf die Symbole.
Sie wartet auf meine Antwort.
Sie fragt: Habe ich Sie richtig verstanden?
Sie antwortet nicht für mich.
Sie lädt mein Gerät auf.

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